Wirtschaftliches Wachstum
Die ökonomische Theorie bedient sich zur Abschätzung des künftigen wirtschaftlichen Wachstums üblicherweise der Vorstellung einer „Produktionsfunktion“. Diese beschreibt die Abhängigkeit des Bruttoinlandprodukts von sog. Produktionsfaktoren. Produktionsfaktoren sind: Arbeit, Kapital, Energie und eine Vielzahl von Vorlieferungen (insbesondere Rohstoffe). Geht man davon aus, dass Energie im Verlauf der Energiewende der entscheidende Engpass sein wird, kann man zugespitzt fragen: Wieviel Güter und Dienstleistungen – oder anders gesagt, wieviel Einheiten an Bruttoinlandsprodukt – wird Deutschland mit dem von der Bundesregierung durch gesetzliche Regelungen begrenzten Energieangebot im Jahr 2045 herstellen können?
Bemerkenswerterweise ist es auf der Basis einer weiteren Vorgabe der Bundesregierung möglich, diese Frage zu beantworten. Um das zu verstehen, müssen wir in unserer Analyse von der Kategorie „Primärenergie“ wieder zur Kategorie „Endenergie“ zurückgehen. Warum? Weil die Bundesregierung eine Vorgabe zur Entwicklung der sog. Endenergieproduktivität gemacht hat. Zum Verständnis: Die Endenergieproduktivität gibt an, wieviel Einheiten Bruttoinlandsprodukt pro eingesetzter Einheit Endenergie erzeugt werden. Nach den Vorstellungen der Bundesregierung soll sich die Endenergieproduktivität Deutschlands in den Jahren 2008 bis 2050 jährlich um 2,1 % verbessern. Dieses Ziel wurde in dem Jahreswirtschaftsbericht 2023 noch einmal ausdrücklich bestätigt [9].
Aus der gesetzlichen Vorgabe an verfügbarer Endenergie und der politischen Vorgabe für die Endenergieproduktivität ergibt sich rechnerisch die maximal mögliche Produktion an Gütern und Dienstleistungen. Damit schließt sich der Kreis. Das Rätsel der Verbindung von Energie und Wachstum für das Jahr 2045 ist gelöst. Ergebnis: Das reale Bruttoinlandsprodukt in Deutschland im Jahr 2045 kann nur geringfügig über dem heutigen Niveau liegen (Rechenhinweis: Bruttoinlandsprodukt = Endenergieproduktivität x Endenergieverbrauch). Besonders eindrucksvoll ist die sich daraus ergebende Wachstumsrate für das reale Bruttoinlandsprodukt von 2023 bis 2045. Diese liegt bei 0,124 % pro Jahr. Bei einem solchen Wert fällt es schwer, von wirtschaftlichem Wachstum zu sprechen. Für Leser, die diese Rechnungen genauer nachvollziehen möchten, sind die entsprechenden Daten noch einmal in Tab. 2 zusammengestellt.
| 2008 | 2023 | 2045 | Veränderungen | |
| Endenergieverbrauch in PJ | 9.327 | 8.168 | 5.130 | 2008/2045: - 45 % |
| Umwandlungsfaktor EEV/PEV | 0,649 | 0,761 | 0,820 | 2023/2045: + 7,8 % |
| Primärenergieverbrauch in PJ | 14.370 | 10.735 | 6.256 | 2023/2045: - 42 % |
| Primärenergieverbrauch Erneuerbare | 1.151 | 2.107 | 6.076 | 2023/2045: + 188 % |
| Endenergieproduktivität Mrd. € 2015/PJ | 0,304 | 0,400 | 0,655 | 2008/2045: + 2,10 % p.a. |
| Bruttoinlandsprodukt Mrd. € 2015 | 2.833 | 3.270 | 3.360 | 2023/2045: + 0,124 % p.a. |
Es ist offensichtlich, dass die sich aus den Vorgaben der Bundesregierung ergebende Perspektive für das wirtschaftliche Wachstum in Deutschland in einem deutlichen Gegensatz zu anderen politischen Versprechungen und zu den offensichtlichen Notwendigkeiten steht. So hat die Bundesregierung bei der Vorstellung ihrer Frühjahrsprojektion am 24. April 2024 zum Ausdruck gebracht, dass sie nach einer wirtschaftlichen Erholung in 2025 ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von 1 % p.a. erwartet [10]. Im Übrigen findet man in der aktuellen Debatte viele Beiträge, die darauf hinweisen, wie dringlich gerade jetzt wirtschaftliches Wachstum ist, um die wachsende Zahl von Herausforderungen in den Griff zu bekommen. So geht es darum, grundlegende Teile der Infrastruktur zu erneuern, die Verteidigungsfähigkeit zu stärken, das Gesundheitssystem leistungsfähig zu halten, den demographischen Wandel zu bewältigen, den sozialen Zusammenhalt zu schützen, in Forschung und Bildung zu investieren und vieles andere mehr. Das alles setzt ein substantielles wirtschaftliches Wachstum voraus.